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Wolfgang Thorwart: Heinrich von Kleist Kritik der gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien

Wolfgang Thorwart: Heinrich von Kleist Kritik der gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien. Zu H. v. Kleists Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der theologisch-rationalistischen Jugendschriften, Königshausen & Neumann, 2004, 295 S.

Das vorliegende Buch ist eine gründlich überarbeitete Version der Dissertation Wolfgang Thorwarts. Es erschließt einen Zugang zu Kleists Auffällig wie ungewöhnlich ist sein interdisziplinärer methodologischer Ansatz, der den ideengeschichtlich-philosophischen Hintergrund mit einer familien- und sozialgeschichtlichen Ebene verschränkt, um daraus auf der ästhetischen und biographischen Ebene Ergebnisse zu gewinnen. Um es vorwegzunehmen: Thorwart versucht dabei nicht einfach, sich dem Gegenstand auf verschiedenen Wegen zu nähern, um ihn aus unterschiedlichen Perspektiven immer wieder neu zu beleuchten, sondern er verbindet alle Ebenen geschickt zu einem Ganzen. Die Wahrheit des Gegenstandes ergibt sich dann als systematische Gesamtheit aller Perspektiven.

So teilt sich die Arbeit denn auch in vier Teile: während Teil I die zur Kleists Lebenszeit vorherrschenden philosophischen und religiösen Strömungen anhand seiner theologisch-rationalistischen Jugendschriften entwickelt, beschäftigt sich der zweite Teil mit der Familiengeschichte und der preußischen Sozialgeschichte. In Teil III werden dann die in den beiden vorigen Teilen gewonnenen Resultate zunächst auf die Biografie Kleists und in Teil IV auf dessen ästhetisches Schaffen in ausführlichen Interpretationen ausgewählter Dramen angewendet. Während Thorwart im ersten Teil auf ein fundiertes philosophisches Fachwissen zurückgreift, bezieht er sich im biografisch-historischen zweiten Teil weitgehend auf die Forschungsergebnisse der führenden Historiker des jeweiligen Gebietes.

Thorwarts neue Forschungshypothese besteht dagegen darin, ?dass sich ausgehend vom theologischen Rationalismus der Jugendschriften trotz der großen Lebenskrise von 1801 und über die Lebenskrise hinaus eine Kontinuität der Weltsicht und Weltanalyse Kleists nachweisen lässt? (S. 13; Herv. im Original). Diese Weltanalyse hätte, so Thorwart, im Wesentlichen in der ?gebrechlichen Einrichtung der Welt, das heißt in der Be- oder Verhinderung souveräner Moralität? bestanden. Man mag dies als germanistisches Spezialproblem abtun, allerdings gelingt es Thorwarts Arbeit immer wieder, das übergreifende und Allgemeine aus dem Besonderen herauszuschälen und somit Kleists Weltsicht als eine typische wie auch besondere Antwort auf die drängenden philosophischen und gesellschaftlichen Fragen seiner Zeit auszuweisen. Denn es wird klar, dass die vorherrschende Thematik, die Kleist wie seine Zeitgenossen in der Nachfolge Leibnizens umgetrieben hatte in der Theodizee lag, also der Rechtfertigung einer höchsten Rationalität ? personifiziert in Gott mit seinen Attributen Allgüte, Allmächtigkeit und Gerechtigkeit ? angesichts des ?Zweckwidrigen in der Welt? (wie Kant es formulierte) oder: der Ungerechtigkeit und Unordnung der Welt.

So widmet sich der erste, ideengeschichtliche Teil von Thorwarts Buch Kleists theologisch-rationalistischer Frühschrift ?Aufsatz, den sicheren Grund des Glücks zu finden?, deren Hauptmotiv der Theodizee entspringt. Kleist hat diesen Aufsatz im zarten Alter von 21 Jahren geschrieben als eine Art Durchaltepamphlet für seinen Freund Rühle, sich vom harten Militärdienst nicht unterkriegen zu lassen. Thorwart Analyse des ?Aufsatzes? zieht die Leibniz-Wolffsche Metaphysik dabei ebenso heran wie den zu Kleists Lebzeiten vorherrschenden Pietismus und kommt zum Ergebnis: Kleists Denken beruhte auf der leibnizschen Annahme einer fortschreitenden Vervollkommnung der Welt. Für den einzelnen bedeutet dies eine zunehmenden Moralisierung im Sinne einer ?fortschreitenden Aufklärung der Seele?, wobei darunter nicht nur eigentlich die Zunahme an Tugendhaftigkeit (ethisch), sondern auch der Erkenntnisfortschritt (kognitiv-epistemisch), vor allem aber die Steigerung des Glücksempfindens (emotional) verstanden wird. Durch den Vervollkommnungsgedanken war es für Kleist möglich, auf eine aus den göttlichen Attributen der Güte und Gerechtigkeit abgeleitete gerechte Tiefenstruktur der Welt zu verweisen, die selbst dann Bestand haben sollte, wenn die Welt aktual nicht gut und gerecht eingerichtet war. Und es war Kleist ? ganz nach pietistischer Tradition - damit möglich, äußere gesellschaftliche Ungerechtigkeiten mit dem Verweis auf ein Inneres, das Glücksempfinden wegzuerklären. Zu beachten ist hier, dass Kleist in seinem ?Aufsatz? die gerechte Einrichtung der Welt einmal aus den Attributen Gottes unterstellend ?ableitet? (wenn Gott gerecht ist, muss er auch eine Welt geschaffen haben, die diesen Attributen genügt), jedoch vor allem ihre Vollkommenheit abhängig macht von einer fortschreitenden Aufklärung der Seele: erst in einem Zustand, in der die Seele alles clare et distincte erblicken würde ? so Thorwarts Interpretation Kleists ? könnte die gerechte Tiefenstruktur wahrhaft erkannt werden, ergo sei wahre Tugendhaftigkeit, wahres Glück möglich. Man könnte somit sagen, dass Kleist von Beginn an die aktual gerechte Einrichtung der Welt nicht einfach unterstellt, sondern sie im Rahmen der Theodizee als ein Programm formuliert, welches den idealen Fortgang der Welt vorzeichnet. Bemerkenswert dabei ist, dass Kleist dezidiert den Kandidaten für die zunehmende Moralisierung nicht in einer abstrakten oder gesellschaftlichen Ordnung, sondern im Glücksempfinden des Individuums angibt. Der Fortschritt der Welt habe eben das Glück des einzelnen zu befördern!

Die historisch-biografischen Hintergründe einer solchen zugleich aufklärerisch-progressiven wie konservativ-regressiven Position beleuchtet der zweite Teil. Dort wird Kleist als Glied eines uralten preußisch-pommerschen Adels beschrieben. Interessant wie raffiniert gelingt es Thorwart, auch in dieser Perspektive zwei Stränge herauszuarbeiten, die bei Kleist zu einem Ganzen sich verbinden (herauszuheben sei das hervorragende Kapitel II, 4): das altständische Erbe mit seinem ?Leitbild des weitgehend autonomen Edelmanns, der nur seinen überzeugungen und seinem Ehrgefühl verpflichtet ist? (S. 144; Herv. im Original), und die aufklärerische Idee von der Eigenständigkeit des Denkvermögens mit seinen Forderungen nach Mündigkeit des Individuums (Sapere aude) und der Selbstverwirklichung (das zur Geltung bringen des intellektuellen wie moralischen Vermögens). Kleist habe ? so Thorwart ? die zentralen Begriffe von Autonomie und Selbstverwirklichung zwar weitgehend aus seinem altständischen Erbe hergeleitet, ihn jedoch aus seinem feudalistisch-dynastischen Umfeld von Stand und Familie herausgelöst, um ihn nun, ganz aufklärerisch, dem Individuum zugeschlagen?. Anders(herum) ausgedrückt hat Kleist damit den Adel als ideales Modell individualistisch universaliert und, wenn so will, eine Art egalitärer Aristokratie oder aristokratischem Egalitarismus propagiert.

Erst vor Hintergrund des leibnizschen Vervollkommnungsprogramms und dem noch altständischen Denken verpflichteten Aufklärungsgedankens ist abzusehen, dass Kleist sowohl in der ?preußischen wie französischen Welt? sowie an den modernen kantischen und nach-kantischen Philosophie scheitern musste. 1.) Der preußische Staat war zu Kleist Zeiten im Wesentlichen quasi-militaristisch, streng hierarchisch geordnet und sah seine vornehmste Aufgabe darin, seine Untertanen zu disziplinieren und zu subordinieren (staatspolitisches Ziel war die ?Unterwerfung? des Adels unter die absolutistische Herrschaft des Fürsten). Das preußische Militär, dem Kleist noch bis 21 Jahren angehörte, war geradezu der Inbegriff dieser Disziplinierungs- und Subordnitationstendenzen. Anders in der französischen Welt: dort verzweifelt Kleist an dem allerorten spürbaren ?bürgerlichen Bereicherungswillen?, welchen er für ein Entartungsphänomen des Individualismus hält. Und schließlich sieht er sich auch gezwungen auch das Programm der ?fortschreitenden Aufklärung der Seele? angesichts der Kantischen Philosophie begraben, die die Erkenntnis Gottes aus dem Bereich der Vernunft verbannt und in den Bereich des Glaubens verweist. Ja Kleist gibt selbst ? nach der Lektüre Fichtes - das Ziel eines wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns überhaupt auf.

Der Kleist, der weder im preußischen Militär und Staat, noch im nachrevolutionären bourgeoisen Frankreich und letztlich auch in der Wissenschaft keinen Weg zur selbstbestimmten und vernünftigen Selbstverwirklichung sieht, wendet sich nun, als letztem Ausweg der ästhetischen Gestaltung der Welt zu. Diese ästhetische Weltsicht musste jedoch ? so Thorwart ? als eine Antwort auf das Scheitern des Theodizee-Programms gesehen werden: war die Theodizee das Ziel des ?Aufsatzes?, und liefen die darauf folgenden Lebensstationen diesem Programm zuwider bis sie diese vollkommen entkräfteten, so gibt Kleist die Theodizee in seinem literarischen Schaffen vollkommen zugunsten der These von der ?gebrechlichen Einrichtung der Welt? auf. Die ?gebrechliche Einrichtung der Welt? war damit das Resultat auf die nicht mehr aufrecht zu haltende Hypothese, dass die sich die gerechte Einrichtung der Welt durch die Verwirklichung einer freien und souveränen Moralität zeigen könnte.

Unter diesem Verdikt hätten vor allem Kleists Dramen gestanden: habe die ?Familie Schroffenstein? (Kleists Erstlingswerk) die gebrechliche altständische Ordnung durch das Eindringen eines bürgerlich-individualistischen Bereicherungswillen zum Gegenstand gehabt, so habe Kleists Hauptwerk ?Der Zerbrochene Krug? die Doppelmoral der bürgerlichen Welt aufs Korn genommen, in der jeder ?ohne Ansehen der Person? beurteilt werde. Einzig im ?Prinz vom Homburg?, dem letzten Werk, habe Kleist ein Modell der Aussöhnung von individuellem Glücksstreben und staatllich-absolutistischer Subordnitationsforderung propagiert, allerdings nur unter der Prämisse, dass diese ?neue Ordnung? sich unter einer nationalen Bewegung manifestiere.

Thorwarts interdisziplinäre Methodologie erschließt die Schriften Kleists, insbesondere seine Drameninterpretationen, einer völlig neuen Dimension: hier wird nicht einfach eine beliebig gewählte literaturwissenschaftliche Methode anwendungsweise heruntergebetet, sondern es wird versucht, das Werk eines Autor durch systematische Zusammenführung der wesentlichen Produktionsbedingungen seines Schaffens (ideengeschichtlich, historisch-soziologisch, biografisch) zu erschließen.

Thorwarts Buch sei deswegen nicht nur allen Germanisten und Kleistkennern wie -liebhabern anempfohlen, sondern auch allen Philosophen, die lernen wollen, wie ein interdisziplinäres Vorgehen gelingen kann. Gewinn ziehen werden ebenfalls alle, die auf eine klare und eindeutige Darstellung der philosophischen Strömungen am Ende des 18 Jahrhunderts gewartet haben.


hinzugefügt: September 16th 2004
Autor: Wolfgang Thorwart
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Hits: 1855
Sprache: deu
Typ: Buchempfehlung
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