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Rawls - Theory of Justice: Kapitel 7.2: Der Status des Urzustandes und die Ka
Freigegeben von: Wolfgang Melchior
7.2. Der Status des Urzustandes und die Kantische Interpretation


Welchen kognitiven Status besitzt der Urzustand? Zunaechst wird
er von Rawls als ein heuristisches Instrument (heuristic device)
vorgestellt und besitzt drei Merkmale:


(1) Einmal entspricht er keiner jemals wirklich existierenden
Gesellschaft und wird dies und soll dies auch nicht. Der
Urzustand darf nicht als wirklicher Willensakt von etwa in
einer Volksversammlung zusammenkommenden Personen aufgefasst
werden, sondern als ein Gedankenexperiment, zu dem nach Rawls?
Ansicht jeder jetzt lebender Mensch in der Lage ist, welcher
einen Gerechtigkeitssinn im obengenannten Sinn besitzt. Rawls
ist ueberzeugt davon, dass alle Menschen den gleichen
epistemischen Zugang zum Urzustand haben, gleich welches Konzept
des Guten sie verfolgen (also gleich welche und wieviel
Grundgueter sie erlangen wollen, wieviel sie tatsaechlich
besitzen und welche Lebensplaene sie besitzen): "We can, as it
were, enter this position at any time simply by reasoning for
principles of justice in accordance with the enumerated
restrictions of information" (PL 27). Der Urzustand ist also
fuer Rawls ein moralischer Standort, von dem wir alle gleich
weit entfernt sind. Es wird von daher letztlich zu fragen sein,
ob

- ein epistemischer (mentaler) Zustand ausreicht, einen
moralischen Standpunkt zu rechtfertigen,

- also moralisches Denken/Moraltheorie mehr verlangt
(deskriptiv) und mehr verlangen soll (praeskriptiv) als die
Anwendung streng symmetrischer Prinzipien.



(2) Unparteilichkeit und Universalismus: Zum anderen ist der
Urzustand eine "ethische Hypothese", ein Gedankenexperiment
unter der Annahme, dass all das gerecht ist, was unter fairen
Bedingungen beschlossen worden ist. Es ist fuer Rawls
schlechterdings unmoeglich zu allgemein gueltigen, d.h., fuer
eine Gesellschaft als ganze gueltigen Prinzipien zu gelangen,
wenn wir von den Kontingenzen unseres Jetzt-Zustands ausgehen.
Dessen Asymmetrien wuerden es bestimmten Personen erlauben,
bestimmte Vorteile einer Verhandlungsposition auszuspielen, wie
wir dies in alltaeglichen Situationen erleben. Es ist eine
grundsaetzliche Frage, ob es entweder eine universelle Ethik
gibt oder geben soll oder Ethik von asymmetrischen Bedingungen
abhaengt, wie sie oben als (Un)gleichheit2 (Interessen, Ziele,
Talente) und (Un)gleichheit3 (oekonomische Umstaende)
vorgestellt wurden (und es von daher soviel Ethiken gibt wie
asymmetrische Bedingungen als relevant betrachtet werden).

Selbst wenn Rawls zugeben wuerde (was er in spaeteren Aufsaetzen
in der Begegnung kommunitaristischer Einwaende tatsaechlich
tut), dass unsere ethischen Urteile von bestimmten, besonderen
historischen, persoenlichen und oekonomischen Faktoren
abhaengen (deskriptiv), bleibt fuer ihn noch die Frage, ob
unsere ethischen Theorien auch diese Faktoren theoretisch
enthalten sollen. Der Urzustand waere dann hypothetisch in einem
metaethischen Sinne: er formuliert die Wahl von Prinzipien der
Gerechtigkeit aus einer Perspektive der Unparteilichkeit.



(3) Ausdruck der menschlichen Vernunft- Kantische
Interpretation: Wie schon bei der Diskussion des
Fairnessprinzips zu sehen war, greift Rawls explizit auf
Kantisches Gedankengut zurueck. So besitzt der Urzustand auch
eine Kantische Interpretation. "The original position may be
viewed, then, as a procedural interpretation of Kant?s
conception of autonomy and the categorial imperative" (TJ 256).
"For by a categorial imperative Kant understands a principle of
conduct that applies to a person in virtue of his nature as a
free and equal rational being. The validity of the principles
does not suppose that one has a particular desire or aim" (TJ
253). Die Wahl der Parteien im Urzustand soll das prozedural
aufloesen, was Kant als Ausdruck unserer Natur als freie und
rationale Wesen auffasste. "Kant, I believe, held, that a person
is acting autonomously when the principles of his action are
chosen by him as the most adequate expression of his nature as
free and rational being. ...Our nature as such beings is
displayed when we act from the principles we would choose when
this nature is reflected in the conditions determing this
choice" (TJ 252 u. 256). Die Kantische Autonomie loest Rawls auf
in einem Verfahren, welches die Parteien nur als intelligible
Ichs (noumenal selves) handeln laesst. Die Prinzipien, die dann
gewaehlt werden, sind der ungetruebte Ausdruck unseres Wesens.
Dieses Wesen besteht, wie wir oben sehen konnten, in einem
abstrakten Vetorecht, welches die Beruecksichtigung der
Einzelinteressen der Parteien garantieren soll. Ich moechte hier
nicht den Kantischen Begriff der Autonomie, der sicher eine
eigene Arbeit verdient hat, ausbreiten, jedoch muss beachtet
werden, dass Rawls seinen Urzustand nur fuer Kantisch
interpretierbar haelt, nicht als Kantische Theorie. Darauf
deuten nicht nur seine laxe Bemerkung "I believe", sondern auch
folgende Umstaende hin:

- Rawls begreift seine Prinzipien nicht als Sittengesetz zur
Rechtfertigung positiver Rechte, sondern als Regeln fuer soziale
Institutionen der Grundstruktur. Kant wollte so etwas wie einen
Rechtsstaat rechtfertigen, Rawls dagegen will ein
Verteilungsproblem loesen.

- die Parteien sind mit wesentlich mehr "Willensbestimmungen"
ausgestattet als bei Kant: sie besitzen ein allgemeines Wissen
von oekonomischen, sozialen und psychischen Gesetzen und machen
ihre Wahl davon abhaengig.

- das Verfahren entspricht dem, was oben als reine
Verfahrensgerechtigkeit vorgestellt wurde: die Parteien besitzen
nur einen formalen Sinn von Gerechtigkeit und die Prinzipien
sind nur dann gueltig, wenn das Verfahren (die Herleitung)
wirklich durchgefuehrt wurde. Es ist also keine "leere
Abstraktion" von Maximen, wie Kant dies machte, sondern ein an
die Entscheidungs- und Spieltheorie angelehntes Verfahren.

- Rawls? Ansatz ist im Sinne der obengenannten Unterscheidung
eine rechteorientierte Theorie. Im Vordergrund steht die
Garantie von Rechten, nicht die Herleitung eines
Pflichtprinzips. Die Kategorialitaet der im Urzustand zu
waehlenden Prinzipien ist nicht die eines Imperativs, sondern
die der Garantie von Anspruechen.

- das Rawlssche intelligible Ich (noumenal self) gibt sich
aufgrund seiner praktischen Vernunft nicht selbst die Gesetze
wie beim Kantischen Autonomiebegriff, sondern waehlt die
Prinzipien nach Massgabe dessen, was seine Interessen und damit
sein Glueck maximiert. Der Kantische Urzustand sollte der
Herleitung eines unbedingten Gesetzes dienen, zu welchem Glueck
als ein bedingtes Kriterium nicht herangezogen werden durfte.

Damit liegt der Rawlssche Urzustand zwischen dem von Hobbes und
dem von Kant: "Bei Hobbes schliesst man den Vertrag, weil jeder
besser wegkommt, bei Kant dagegen, weil er der praktischen
Vernunft, der wechselseitigen Anerkennung der Menschen als
Personen, als Rechtssubjekten entspricht. Die Ordnung der
Willkuerfreiheiten (keineswegs die Willkuerfreiheiten selbst!)
erhaelt die Qualitaet der Freiheiten im Sinne von der
Selbstbestimmung, von Autonomie der praktischen Vernunft"69
Rawls? Interessenbegriff ist zwar abstrakt wie beim Kantischen
autonomen Subjekt. Das Subjekt ist jedoch auch geleitet von
eigennutzorientierten Motiven der Maximierung von Grundguetern.
Das Kantische Moment laesst die Parteien auf eine Einheit
zusammenschrumpfen, das Hobbessche Moment laesst andere ueber
die Kantische Autonomie hinausgehende (und im Kantischen System
verbotene) Motive von Guetermaximierungen zu.



Fussnoten:

69 Hoeffe, zit. n. Engin-Deniz (1991), S. 65.
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