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Rawls - Theory of Justice: Einleitung
Freigegeben von: Wolfgang Melchior
"The assignment of weights is anessential and not a minor part of a conception of justice"
(John Rawls, A Theory of Justice, p.41)


EINLEITUNG



Schon Aristoteles hatte Gerechtigkeit als zentralen Begriff der Ethik gesehen. Er nannte sie vollkommene Tugend, "weil ihr Inhaber die Tugend auch gegen andere ausueben kann und nicht nur gegen sich
selbst" 1. Als Sozialtugend, im Gegensatz zur Gewissenstugend, war Gerechtigkeit fuer ihn das Bindeglied zwischen Ethik, Oekonomie und Politik.

Gerechtigkeit, wenn mir diese vorlaeufige hilfsweise Definition gestattet sei, beschaeftigt sich mit allen Arten von Anspruechen und Rechten, die Personen gegeneinander anmelden koennen, insofern diese Ansprueche sich auf ein zu zerteilendes Gut erstrecken.
2 Wesentlich verbunden damit war von Beginn an der Begriff der Gleichheit. Gerechtigkeit als Gleichheit meinte, dass Massstaebe und Kriterien zur Verfuegung stehen, nach denen Personen ihre Ansprueche ermitteln und durchsetzen koennen. So kannte Aristoteles im Zusammenhang mit der Gerechtigkeit zwei Begriffe von Gleichheit: die absolute Gleichheit und die proportionale Gleichheit. 3 Entscheidend war, dass der Gleichheitsgrundsatz, welcher Form auch immer, auf einen Interessenausgleich abzielte. Gerechtigkeit war fuer Aristoteles die "Mitte" von Anspruechen und gerechtes Handeln war die Schlichtung durch eine Vermittlungsinstanz, die bestehende Normen anwendete. Diese Normen formulierten eine gesellschaftliche Rationalitaet, die selbst nicht in Frage stand.


Seit der aufklaererischen Idee von der Selbstbestimmung des einzelnen herrscht jedoch ein Spannungsverhaeltnis zwischen dem Gleichheitspostulat fuer gerechtes Handeln und der Forderung nach freier Entfaltung der Persoenlichkeit (Eigeninteresse). Die Normen der Vermittlungsinstanzen werden fraglich. Gleichheit wird jetzt nicht nur im Sinne eines universellen Geltungsanspruches oder im Sinne eines Interessenausgleichs, sondern auch als ein Moment verstanden, welches "natuerliche" Freiraeume von Individuen einengt. Das natuerliche Recht, all das zu tun, was mir bei der Verfolgung meiner Interessen recht und billig erscheint (vgl. den Hobbesschen Fool), konfligiert mit der Forderung, mich an verbindliche Normen zu
halten, die fuer alle gleichermassen gelten und damit mit Rechten und Anspruechen anderer.
4 Damit treten Freiheit und Gleichheit, individuelle und gesellschaftliche Rationalitaet auseinander.

Die angelsaechsische Tradition gab tendenziell der Freiheit den Vorzug, indem sie das Problem der Gerechtigkeit aus einer individualistischen Perspektive anging (methodischer Individualismus eines Locke, Hobbes). Die europaeische Tradition gab der Gleichheit den Vorzug, indem sie Gerechtigkeit aus einer gesellschaftlich holistischen Perspektive betrachtete.
5 Dies spiegelt sich auch im Selbstverstaendnis der jeweiligen Gesellschaften wieder. Als etwa die Zeitschrift The Economist im Jahr 1992 eine Umfrage startete, in der u.a. Amerikaner und Deutsche gefragt wurden, ob ihnen Freiheit oder Gleichheit wichtiger sei, stimmten 72% der Amerikaner fuer Freiheit und nur 20% fuer Gleichheit, waehrend den Deutschen mit 39% Gleichheit wichtiger erschien als Freiheit mit nur 37%. 6


Dieses genuin amerikanische liberale Selbstverstaendnis, in dem der Freiheit ein Vorrang eingeraeumt wird, findet sich auch in Rawls' A Theory of Justice aus dem Jahr 1971:

"First Principle

Each person is to have an equal right to the most extensive total system of equal basic liberties compatible with a similiar system of liberty for all.

First Priority Rule(The Priority of Liberty)

The principles of justice are to be ranked in lexical order and therefore liberty can be restricted only for the sake of liberty.

There are two cases:

a) a less extensive liberty must stengthen the total system of liberty shared by all;

b) a less than equal system of liberty must be acceptable to those with lesser liberty" (TJ 235).


Jedoch, trotz dieses Vorranges der Freiheit, enthaelt der Rawlssche Ansatz ein aeusserst egalitaeres Moment: soziale und oekonomische Ungleichheiten werden aus der Position des "am meisten Benachteiligten" betrachtet. Rawls will damit das herleiten, was er "Tendenz zur Gleichheit" nennt. In Rawls Basiskonzept zu seinen zwei Prinzipien der Gerechtigkeit liest sich das so:

"General Conception

All social primary goods - liberty, opportunity, income and wealth, and the bases of self-respect - are to distributed equally unless an unequal distribution of any or all of these goods is to the advantage of the least favored" (TJ 302/3).


Auch bei Rawls stehen Vorrang der Freiheit und Tendenz zur Gleichheit in einem Spannungsfeld. Die vorliegende Arbeit setzt es sich zum Ziel, dieses Spannungsfeld abzugehen. Im Zentrum stehen dabei die
zwei von Rawls entworfenen Prinzipien der Gerechtigkeit, ihre Herleitung und Begruendung. Weitgehend ausgeklammert werden das Prinzip der fairen Chancengleichheit und das Themenfeld der Gerechtigkeit zwischen Generationen (Prinzip der gerechten Sparrate).





Fussnoten:

1 Aristoteles (1985) 1129b, 31-33. Der eigentlich dahinterstehende Grund der Vollkommenheit liegt fuer Aristoteles im Prinzip des Masshaltens, welches seine gesamte Philosophie praegt (Politik, Poetik, Oekonomie). Das Vollkommene ist das "rechte Mass" als "Mitte zwischen einem Zuviel und Zuwenig". Genau dies ist das Recht, welches die Gerechtigkeit als Tugend besitze (vgl. Aristoteles (1985) 1132a, 15ff)
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2 Dies soll alle moeglichen Faelle von Anspruechen beinhalten, nach denen Aristoteles seine drei Begriffe der Gerechtigkeit einteilt:
- Einzelpersonen untereinander (kommutative G.)
- Gesellschaft gegenueber den Einzelpersonen (gesetzliche G.)
- Einzelpersonen gegenueber der Gesellschaft (distributive G.)
Man mag hier einwenden, dass dies bereits einseitig die Interpretation von Gerechtigkeit als abstrakten Anspruch, als formales Recht und nicht die der Gerechtigkeit als die von konkreten Verteilungen favorisiere, jedoch geht es mir hier darum den normativen Charakter jeder Gerechtigkeitstheorie zu unterstreichen. Dies wird aus dem folgenden Passagen noch ersichtlich.
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3 Vgl. dazu Treptow (1979), S. 12.
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4 Ebenso sind die Versuche der Spieltheorie zu verstehen, Kooperation als rationale Selbstbeschraenkung eigennutzorintierter Spieler zu verstehen. Vgl. Gauthier (1991);
Vossenkuhl (1992)
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5 So besteht etwa Rousseaus Holismus in der Betonung der gesellschaftlichen Moralitaet. Moral wird eo ipso als die Tugend des Ganzen gesehen: "Der Tugendhafte ordnet sich in bezug auf das Ganze ein..., der Boese ordnet das Ganze in bezug auf sich
selbst" (Emile, S. 263, vgl. S. 261). Der Naturzustand der Wilden (les savages), in dem die Selbstliebe ohne gesellschaftliche Abhaengigkeiten bestehen (Ueberlebenstrieb), wird zwar durch den citoyen mit seiner Selbstsucht (Egoismus) noch gesteigert, gleichzeitig wird das aber ausgeglichen durch die Ausbildung des Gewissens im Verlaufe der Zivilisation, das den Buerger zu einem ?tre moral macht. Dies ist auch die Klammer, die das Gemeinwesen zusammenhalten soll und als das Motiv jedes einzelnen fungiert, auf seinen Egoismus zu verzichten. In materialistischen Theorien ist diese Klammer ein soziales oder oekonomisches Prinzip: bei Marx die Allgemeinheit des kapitalistischen Tauschs und der damit verbundene Begriff der Tauschgerechtigkeit (abstrakte Gleichheit als Mass von
Austauschbarkeit). Bei Hegel ist es die Allgemeinheit als Bedingung, durch die sich die Besonderheit der Zwecke durchsetzt (Rechtsphilosophie, S.182 ff).
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6 In: The Economist , 5. September 1992; Zit. n.
Ostendorf (1995), S. 205. Ich unterstelle hier, dass es sich um ein
relativ konstantes Muster amerikanischen Selbstverstaendnisses handelt.
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