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Rawls - Theory of Justice: Kapitel 1: Egalitaere und liberalistische Ansaetze
Freigegeben von: Wolfgang Melchior
1. Egalitaere und liberalistische Ansaetze - eine Gegenueberstellung

Im Folgenden soll versucht werden, das Spannungsverhaeltnis von
Freiheit und Gleichheit in noch allgemeiner Weise etwas zu
entflechten. Denn es ist offenbar so, dass wir es bei den
obengenannten Ansaetzen mit verschiedenen Begriffen von
Gleichheit zu tun haben. Auch der Begriff der Freiheit enthaelt
ein egalitaeres Moment im Sinne der gleichen Freiheiten fuer
alle, jedoch ist es nicht das, was ich mit egalitaeren Ansaetzen
im eigentlichen Sinne bezeichnen moechte.

Aus dem Blickwinkel der Freiheit:

Waehrend egalitaere Ansaetze Freiheiten aus dem Blickwinkel
gleicher realer und konkreter Chancen fuer die Realisierung von
Zielen betrachten und dafuer gesellschaftliche Voraussetzungen
schaffen wollen, versuchen liberale Konzeptionen Freiheiten als
gleiche Rechte im Sinne unkonkreter, universeller Normen zu
rechtfertigen. Zwei gegensaetzliche Rechtfertigungsstrategien
der jeweiligen Ansaetze stellen der Liberalismus
naturrechtlicher Provenienz und der Marxismus dar, deren
Konzeptionen ich hier idealtypischerweise zur Veranschaulichung
verwenden moechte.


Der Blickwinkel der Gleichheit:

Der Liberalismus behauptet, die Freiheit jedes einzelnen nehme
im dem Masse ab, in dem staatlicher- und gesellschaftlicherseits
versucht wird, die Egalitaet immer expansiver zu gestalten.
Gleichheit duerfe nur im Bereich der Freiheiten selbst
herrschen.

Dabei kennt der Liberalismus zwei Begriffe von Gleichheit, einen
universalen und einen kontingenten, die er mit der dualistischen
Natur des Menschen koppelt: gleich1 sind alle Menschen in Bezug
auf bestimmte allgemein sowie universell geltende und unveraeusserliche Rechte (die Freiheiten) sowie bestimmter
Rationalitaetsstandards, gleich2, vor allem aber ungleich2,
insofern sie bestimmte Lebensziele verfolgen oder Interessen
haben (1), Talente und Faehigkeiten besitzen (2) und ueber
bestimmte oekonomische Ausstattungen verfuegen (3). Universal
heisst einmal: ewig gueltig, Praemisse jedes moralischen
Arguments im Sinne von Naturrechten, zum anderen: gueltig als
Folge eines Vertrages. Kontingent bedeutet: kausal, durch einen
historischen Prozess bewirkt.

Im Bereich der Gleichheiten1 besitzt jede Person qua
numerischer Identitaet (Individuum 1,..,n) einen absolut
gleichen Katalog von Grundrechten. Die Bezugnahme auf Personen
geschieht hier im Sinne des Gebrauchs von Variablen im Gegensatz
zu Konstanten (oder Namen). 7 Niemand hat mehr Ansprueche oder
Rechte, die numerische Differenz spielt keine Rolle hinsichtlich
der Art und Menge seiner Ansprueche. Im Bereich der
Gleichheiten2 sind Ansprueche von Personen zu gewichten.
Ansprueche auf Interessenwahrnehmung, Verwirklichung eigener
Faehigkeiten und auf eine Menge von oekonomischen Ausstattungen
muessen nach bestimmten Massstaeben gewichtet werden.
8

Dabei werden die drei Dimensionen der kontingenten
(Un)Gleichheit2 in ein bestimmtes Verhaeltnis zueinander und zur
Gleichheit1 gesetzt:

- die Verfolgung persoenlicher Ziele und die Verwirklichung der
eigenen Faehigkeiten soll durch Zusicherung von gleichen1
unveraeusserlichen Rechten gewaehrleistet sein.

- Ungleichheiten2(3) entstehen allein aufgrund von
Ungleichheiten2(1,2). Dabei findet das Proportionalprinzip
Anwendung: die oekonomische Ausstattung ist proportional zum
Einsatz von Faehigkeiten ("Jedem nach seiner Leistung") und
proportional zu den eigenen Interessen und Beduerfnissen ("Jedem
nach seinen Beduerfnissen im Sinne von: wer mehr will, muss mehr
riskieren").
9 Entscheidend dabei ist, dass die oekonomischen
Ausstattungen als Resultate, nicht als Voraussetzungen der
Verfolgung von Zielen und dem Einsatz von Faehigkeiten gesehen
werden

- Ungleichheiten2(3) werden gerechtfertigt

a) mit dem Hinweis auf die natuerliche (Un)Gleichheit2 (1,2):
die proportionale Gleichheit2 ist deswegen gerecht, weil
verschiedene Ziele und Faehigkeiten verschiedene
gesellschaftliche Nutzen besitzen. Oekonomische Ausstattungen
reflektieren damit "individuelle Ausstattungen".

b) mit dem Hinweis auf die Gleichheit1 und die
Chancengleichheit: gleiche Freiheiten sind fuer den Liberalisten
wesentliche (hinreichende?) Voraussetzung fuer gleiche Chancen
und gewaehrleisten damit fuer jeden faire Startbedingungen.

c) mit dem Hinweis auf die moralische Neutralitaet des
Vermittlungsmechanismus zwischen diesen und den
(Un)Gleichheiten2(1,2): der Ideale Markt bewertet deren Nutzen
nicht nach intrinsischen Merkmalen der persoenlichen
Faktorausstattungen, sondern ex post nach
Effizienzgesichtspunkten.

Andersherum ausgedrueckt werden also Eingriffe in die
(Un)Gleichheit2 (3) als indirekte Eingriffe in die Gleichheit1
betrachtet, da diese die Verwirklichung von Faehigkeiten und
Zielen (der persoenlichen Freiheit) sichern.
10

Allerdings waere es uebertrieben, dies wuerde Probleme mit den
Ungleicheiten2 (3) fuer den Liberalisten bereits voellig
ausraeumen. Kopfschmerzen bereiten diese ihm aus drei Gruenden:

- sie bringen eine nicht-individuelle Kategorie ins Spiel,
welche den beiden anderen Dimensionen von (Un)Gleichheit2
(ebenso der Gleichheit1) nicht zu eigen ist (methodologisches
Problem): Rechte und Faehigkeiten entstehen nicht durch
gesellschaftliche Interaktion, sondern liegen ihr zugrunde.

- die Kontingenz der (Un)Gleichheiten2 macht es schwer vor
allem in besonders krassen Faellen die Rechtfertigungsstrategie
ueber die Gleichheit1 zu waehlen: d.h., reicht fuer die Fairness
der Startbedingungen die Gleichheit1 bereits aus?

- und damit wird deutlich, dass auch der Liberalist nicht um
eine Differenzierung zwischen der Kontingenz oekonomischer
Ungleichheiten und der von persoenlichen Zielen und Talenten
herumkommt.

Trotzdem optiert der Liberalist prinzipiell fuer einen Vorrang
der gleichen Freiheiten, da er diese mit hinreichend gleichen
Chancen identifiziert.

Dagegen wendet der Marxismus ein, dass Gleichheit1 damit nur
formal sei, da die Beziehung zwischen beiden Gleichheiten nur
theoretisch bleibe. Der Marxismus optiert fuer ein expansiveres
egalitaeres System, das ueber die Gleichheit der Freiheit qua
numerischer Identitaet hinausgeht. Um einem oft gemachten
Einwand gleich zuvorzukommen: der Marxismus will nicht die
numerische Identitaet in Bezug auf Faehigkeiten und Ziele, also

- er stellt nicht die Proportionalitaet zwischen
(Un)Gleichheiten2(1,2) und (Un)Gleichheiten2(3) in Frage,

- und ebensowenig stellt er die natuerliche Ungleichheit2(1,2)
in Frage(er will also nicht alle Menschen gleichmachen).

Fuer den Marxismus ist die Frage nach der Gerechtigkeit weniger
ein Verteilungs-, sondern primaer ein Produktionsproblem. So
interessieren ihn die oekonomischen Startbedingungen, unter
denen Personen ihre Freiheiten verwirklichen. Von diesen
Startbedingungen nimmt er an:

- sie sind eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende,
Bedingungen fuer die Gleichheit1
11 und

- zum anderen sind diese historisch entstanden und auch gezielt
veraenderbar.

Der letzte Punkt basiert auf einer Reinterpretation der
(Un)Gleichheit2 (3), die zu einem dritten Begriff von Gleichheit
fuehrt, einem historisch-gesetzesartigen. Der Marxismus wirft
dem Liberalismus vor, dass letzterer sich mit dem unparteiischen
Ablauf und den optimalen Ergebnissen (Verteilungen) des Marktes
bereits zufrieden gebe. Die (Un)Gleichheiten2(3) sind nicht nur
das Ergebnis der Ungleichheiten2(1,2) (+ der Neutralitaet des
Marktes), sondern bestimmter Eigentumsverhaeltnisse, die nicht
gegeben sind, sondern in einem historischen
Funktionszusammenhang stehen.

Der Marxismus weist damit darauf hin, dass der Marktmechanismus
weder eine "invisible hand" noch eine moralisch neutrale Zone
darstellt, sondern durch den Privatbesitz an Produktionsmitteln
bereits Ungleichheiten enthaelt.

Der Marktmechanismus, der fuer den Liberalisten die
proportionale Gleichheit von oekonomischen Ausstattungen zu
Faehigkeiten und Interessen herstellt, wird so noch einmal
holistisch hinterfragt:

- einmal systematisch im Hinblick auf seine
gesamtgesellschaftliche Funktion (Klassenherrschaft)

- und zum anderen generisch im Hinblick auf seine historischen
Bedingungen

Der Hauptvorwurf des Marxismus gegenueber dem Liberalismus
besteht demnach darin, dass durch die geringe Reichweite der
Gleichheit1 die Freiheiten "nur auf dem Papier" stehen, ohne
dass ihre gesellschaftlichen, insbesondere die oekonomischen
Bedingungen hinreichend beruecksichtigt wuerden. Bestimmte
Gueterverteilungen sind fuer den Liberalismus dann gerecht, wenn
die Produktionsbedingungen, die dazu fuehrten, gleiche1
Bedingungen (fair) enthalten, waehrend der Marxismus auch eine
(nunmehr neue) Gleichheit3 der oekonomischen Startbedingungen
fordert. Diese soll durch die Vergesellschaftung an
Produktionsmitteln erreicht werden. Diese Gleichheit3 ist es,
die man als egalitaer bezeichnen kann. Wie der Liberalismus mit
der Rechtfertigung oekonomischer Ungleichheiten kaempft, so tut
dies der Marxismus mit der Forderung, die oekonomischen
Startbedingungen fuer alle gleich3 zu machen. Denn geht man von
den bestehenden Ungleichheiten3 aus, kann dies offensichtlich
nur ueber ein redistributives System erfolgen, welches mit
steigender Einflussnahme Gewinnerwartungen und damit Anreize zu
vernichten droht und somit Effizienzeinbussen in Kauf nimmt (das
ist es ja gerade, womit der Liberalist die Ungleichheiten2(3)
rechtfertigen will). Trotzdem votiert der Marxismus prinzipiell
fuer ein egalitaeres System, da er gleiche1 Freiheiten mit
gleichen3 oekonomischen Startbedingungen identifiziert.

Der Marxist betont damit die Tatsache, dass Freiheiten ohne
Gleichheit (diesmal ohne Indizes, intuitiv verstanden) sinnlos
und leer sind. Der Liberalist betont die Tatsache, dass mehr
Gleichheit zu einem Verlust individueller Freiheiten fuehren
kann.



In diesem polaren Feld von egalitaeren und liberalistischen
Ansaetzen nimmt der Utilitarismus, ein fuer Rawls wichtiger
Bezugspunkt, eine Sonderstellung ein. Der utilitaristische
Ansatz, auf den ich spaeter auch noch ausfuehrlicher eingehen
werde, ist radikalliberalistisch. Im Gegensatz zu naturrechtlich
liberalistischen Konzepten betrachtet der Utilitarismus Rechte
nicht als unveraeusserlich und vorrangig, sondern als "Funktion"
von Praeferenzen und damit als abgeleitet. Radikalliberalistisch
nenne ich ihn deswegen, weil hier individuellen Praeferenzen ein
absoluter Vorrang gegeben wird, Personen also zunaechst absolut
frei in Bezug auf die Wahl ihrer Ziele gesehen werden, insofern
als sie diese fuer nuetzlich halten. Nicht nur externe,
oekonomische Eingriffe, sondern auch unveraeusserliche und
unveraenderbare Rechte werden als Beschraenkungen von
Wahlmoeglichkeiten empfunden. Rechte muessen stets durch
Effizienzueberlegungen - entweder in Einzelfaellen
(Handlungsutilitarismus) oder prinzipiell (Regelutilitarismus)
gerechtfertigt werden. Der Utilitarismus tut sich schwer,
normative Fragen der Verteilungsgerechtigkeit zu loesen, da
diese nicht eo ipso als nuetzlich beurteilt werden
12: gesucht
wird naemlich ein Kriterium, welches saemtliche individuelle
Praeferenzen in ein mehr oder weniger konsistentes System
bringt, ohne dass dabei vom Eigennutzenkonzept abgewichen wird.

Freiheit ist hier maximal, aber nur im Sinne von Handlungs- und
Wahlmoeglichkeiten, nicht im Sinne von einforderbaren Rechten.
Gleichheit kennt der Utilitarist nur im Hinblick auf die Form
individueller Nutzenfunktionen, so dass die beiden anderen
Gleichheitsbegriffe nahezu voellig unbeachtet bleiben.





Fussnoten:

7 Vgl. dazu auch die erste Stufe der Universalitaet (the first
stage of universalization) bei Mackie und den Begriff der
"Irrelevanz von numerischen Unterschieden". Mackie (1977), S. 83
ff. Dies ist identisch mit der Aristotelischen arithmetischen
Gleichheit.
Zurueck zum Text

8 Man vergleiche den Aristotelischen Begriff der distributiven
Gerechtigkeit.
Zurueck zum Text

9 Hier moechte ich darauf hinweisen, dass dies nicht unbedingt
der Aristotelischen Proportionalitaet entspricht.
Proportionalitaet, wie ich sie hier verstehe, ist angelehnt an
zweckrationale Schemata: Mitteleinsaetze (Faktorausstattungen)
sind proportional zu Ergebnissen. Einen liberalistischen
Leistungsbegriff kennt Aristoteles ebensowenig wie einen
Risikobegriff. Leistung ist hier also nicht die abstrakte
Leistung des Tausches, sondern Leistung als Folge von
Faehigkeiten.
Zurueck zum Text

10 Das Argument laeuft in der Regel darauf hinaus, dass bei
Eingriffen in oekonomische Gleichheit2 die Anreize fuer die
einzelnen ungerechtfertigterweise gemindert wuerden. Dies hatte
bereits Mill in seinen "Grundsaetzen der Politischen Oekonomie"
festgestellt. Zudem wird von der Selbstorgansationsfaehigkeit
gesellschaftlicher Zustaende ausgegenagen (invisible
hand-Modell).
Zurueck zum Text

11 So koennte man vielleicht auch die materialistische Formel
von der Bestimmung des Bewusstseins durch das Sein
interpretieren.
Zurueck zum Text

12 Die Allgemeinheit dieser Saetze bedarf natuerlich einiger
Einschraenkungen: viele heutige Utilitaristen (Brandt, Harsanyi)
wuerden dies in der Form bestreiten: sie sprechen sich heute nur
fuer einen flexibleren Moralkodex aus. Dazu mehr weiter unten.
Zurueck zum Text


 
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